Telekommunikation & Mobile
Bug Labs - Module zum Tüfteln
Basteln ist in den USA seit einigen Jahren richtiggehend Kult. Zum diesjährigen Halloween hatten zwei technisch begabte US-Amerikaner einen außergewöhnlichen Einfall...
Innerhalb von drei Wochen schufen sie einen funktionsfähigen Handy-Baukasten zum Anziehen. Mit einer Autobatterie zwischen den Beinen und umgehängtem Riesen-Display sind die beiden nun als iPhones unterwegs.
Derartige Konzepte liegen voll im Trend. Schon Anfang Januar 2008 auf der US Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas stellten Bug Labs ihren Handy-Baukasten als Geschäftsidee vor. Ausgehend von einem Linux-Rechner-Grundmodul, der BUGbase, kann man mittels weiterer Module verschiedenste Gadgets selbst zusammenstecken - egal ob MP3-Player, Digitalkamera, GPS oder Mobiltelefon.
Eine Leidenschaft zum Beruf gemacht
Der Erfinder des Handy-Baukastens und jetziger Geschäftsführer von Bug Labs, Peter Semmelhack, ist unter Insidern längst kein Unbekannter mehr. Bereits 1996 entwickelte der Magister der Wirtschaftswissenschaften mit seiner eigenen Medien-Produktionsfirma für Microsoft die Kampagne „Where do you want to go today?". Später gründete und leitete er als Direktor die Firma Antenna Software, ein führender Anbieter mobiler Services und Software für Unternehmen.
Die Idee für den späteren Handy-Baukasten hatte Peter Semmelhack bereits im Oktober 2001. In der Zeit nach den Anschlägen des 11. September machte er sich Sorgen um seine Frau und das Neugeborene. Er wünschte sich ein mobiles Gerät, das alle fünf Minuten per GPS deren jeweiligen Standort ermittelt und ins Internet sendet. Nach einem Log in auf die betreffende Webseite könnte man diese Information jederzeit abrufen. Bis heute gibt es derartige Geräte noch nicht, aber eine neue Geschäftsidee war geboren.
Nach mehr als zwanzigjähriger Karriere in der Software-Entwicklung folgte mit Bug Labs mit Niederlassungen in New York und San Francisco nun der dritte Start up von Peter Semmelhack. Dabei sind die Bug Labs beileibe kein Freak-Projekt von Weltverbesserern. Denn seit mehreren Jahren wird das Projekt vom bekannten New Yorker Venture Capital-Unternehmen „Union Square Ventures" finanziert. Nach deren Projekt-Beschreibung soll Bug vor allem ein modular ausgelegtes Web-Device sein, dessen Soft- und Hardware komplett als Open Source ausgelegt ist. Letzteres hat in der Fachwelt bereits für viel Wirbel gesorgt und wurde lange angezweifelt. Nach viel Eigenlob der Firma wirkte Open Hardware zunächst wie ein zu Werbezwecken überstrapaziertes Schlagwort. Inzwischen stehen jedoch auf der Webseite von Bug Labs die ersten Schaltpläne zum Download bereit. Wenn sich dank offener Schnittstellen das Bug damit komfortabel programmieren lassen sollte, könnte sich der Bug Lab Handy-Baukasten tatsächlich zu einem interessanten Projekt entwickeln. Gleichzeitig wirft die Geschäftsidee der Open Hardware aber auch Fragen nach rechtlichen Folgen eventueller Nachbauten auf, die diskutiert und in der Zukunft sicher geklärt werden müssten.
Laufende Weiterentwicklung garantiert
In ihrer aktuellen Version BUGbase WiFi wurde die 127 x 64 x 15 mm große Basis um WLAN und Bluetooth ergänzt. Im Innern werkelt mit 533 MHz ein ARM1136JF-S-Mikroprozessor, es stehen 128 MB RAM, WLAN, Ethernet sowie ein En- und Decoder für MPEG4-Videos zur Verfügung. Ein Li-Ion-Akku (schnellladefähig, 1100 mAh) liefert die Energie. Neben den vier Slots für BUG-Module gibt es reichlich weitere Anschlüsse und Schnittstellen: Ethernet, Seriell, USB, A/C-Power, HandyLink, Mini-SD-Karten-Slot.
Die Basis wird mittels Vier-Weg-Joystick, Auswahlknopf sowie vier weiteren programmierbaren Knöpfen bedient, ein versteckter Reset-Knopf und ein Ein-Aus-Schalter sind ebenfalls vorhanden. Die unmittelbare Kommunikation mit dem Nutzer erfolgt über ein zweizeiliges LCD und einen Piezo-Lautsprecher. Eine Ladeanzeige ist ebenfalls vorhanden, sogar ein Schraubanschluss für Fotostative wurde vorgesehen. Als Betriebssystem der BUGBase kommt Poky Linux zum Einsatz
Zum Handy-Baukasten gehören natürlich die entsprechenden Module, von denen jedes einen oder mehrere Web-Dienste bereitstellen soll. Zum aktuellen Angebot zählen der 2,46-Zoll-LCD-Touchscreen BUGview (320 x 240 Pixel), der Bewegungssensor BUGmotion, der GPS-Empfänger BUGlocate, das Audio-Modul BUGsound, die 2-Megapixel-Digicam BUGcam2MP, das 2,4-GHz-Funkübertragungsmodul BUGbee sowie das Experimentiermodul BUGvonHippel. Letzteres wurde benannt nach Eric von Hippel, Ökonom und Professor an der MIT Sloan School of Management. Bekannt wurde Hippel durch sein Konzept der „user innovation": nicht Produzenten, sondern Nutzer sind zu einem erheblichen Teil für Innovationen verantwortlich. Er schrieb das Buch „Democratizing Innovation" und führte den Begriff „lead user" ein.
Weitere Module, so auch ein Mobilfunkmodul, befinden sich in Entwicklung. Inzwischen steigen auch Drittfirmen ein und entwickeln eigene Hard- und Software für den Handy-Baukasten. So auch JLM Innovation, ein kleines Unternehmen aus Tübingen, spezialisiert auf Sensoranwendungen. Das Unternehmen hat die BUGnose erfunden, eine Art künstliche Nase für eine Vielzahl schädlicher Abgase in der Luft. Kombiniert mit der mobilen BUGbase lassen sich damit beispielsweise mobile Überwachungsnetzwerke in chemischen Anlagen realisieren. Bug Labs möchte nicht nur ein Gadget, ein Technikspielzeug für private Nutzer liefern, sondern mit BUGbase auch professionellen Entwicklern eine Plattform zur Erprobung ihrer neuen Ideen bereitstellen.
Alle Module lassen sich beliebig in die BUGbase einstecken. Danach verbindet die Software die Module auch logisch, so dass ihre Dienste über das mitgelieferte BUG-SDK in Java programmiert und kombiniert genutzt werden können. So entsteht je nach Kombination ein mp3- oder Videoplayer, ein GPS-Empfänger oder eine GPS-unterstützte Digitalkamera, die mittels W-LAN ihre Bilder per direktem Web-Upload unmittelbar ins Internet stellt.
Über hundert Anwendungen für die BUGbase und ihre Module finden sich bereits im Entwicklerportal BUGnet (http://buglabs.net/applications/), neben Display-Spielen und technischen Spielereien wie die Steuerung einer blinkenden Weihnachtsbeleuchtung auch ernsthafte Anwendungen in Gestalt einer Java-Programmierumgebung.
Die Geschäftsidee des Handy-Baukastens von Bug Labs erinnert stark an das jedem aus seiner Kindheit sicherlich noch bekannte Lego-Prinzip, nämlich aus einfachen Basiselementen komplexe Objekte zu konstruieren. Allerdings gelang es Lego bisher nicht, dieses Prinzip überzeugend ins Computerzeitalter zu übertragen. Mit der Anschaffung von Handy, Spielkonsole und PC werden für Kinder und Jugendliche schlagartig digitale Tatsachen geschaffen. Auch in deutschen Kinder- und Jugendzimmern fehlt also noch der spielerische, nahtlose Übergang von der Lego- zur digitalen Computerwelt. Vielleicht könnte Bug ihn liefern?
Bug ist ein universelles Mobil-Gadget und darüber hinaus eine Plattform für neue Entwicklungen - immer wenn ein Gerät mit bestimmten Funktionen gesucht wird, das es aber nicht zu kaufen gibt. Bug ist modifizierbar für alle denkbaren Anwendungen und keinesfalls ausschließlich für Nerds geeignet. Bug - normalerweise die Bezeichnung für einen Programmierfehler - soll nach dem Willen seines Erfinders Peter Semmelhack Aufmerksamkeit erwecken. Der Handy-Baukasten Bug ist eine Geschäftsidee, die vielleicht eine Angebotslücke auch in Deutschland schließen könnte.
Kontakt: http://www.buglabs.net/
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